Hier kann es auch einmal später werden

Freitag, 18 Dezember 2020

Südostschweiz Ausgabe vom 18. Dezember 2020

Hier kann es auch einmal später werden

Wegen der Covid-Massnahmen ist es in der Garderobe des EHC Chur derzeit ungewohnt ruhig. Spannend bleibt der Blick hinter die Kulissen trotzdem.

In der Mitte der Garderobe liegt ein Teppich mit dem Logo des EHC Chur. Mit den Füssen auf das Logo zu treten, ist ein Sakrileg. Überhaupt gelten hier in der Kabine des Stadtklubs strenge Regeln. «Die Spieler dürfen nicht mit Schuhen in die Garderobe», erklärt Andreas John. Verboten sind weiter: Essen und Handys. Letztere jedenfalls bis nach den Spielen. John, 39-jährig und Kapitän der ersten Mannschaft des EHC Chur, erinnert sich noch daran, wie er die Kabine das erste Mal betreten durfte. «Das war vor gut 20 Jahren, vor meinem ersten Spiel für Chur in der Nationalliga A.» Auch wenn John davor schon die Juniorenabteilung des Klubs durchlaufen hatte: Die Garderobe ist der ersten Mannschaft vorbehalten. Geöffnet wird sie heute hochmodern: per Fingerabdruck-Scanner.

 

Ein Raum, der sich wandelt

«Damals war hier alles noch ziemlich anders», sagt John heute zu seinem ersten Besuch in der Kabine. Auch Materialwart und Mannschaftsbetreuer Martin Niggli erinnert sich an verschiedene Stadien der Garderobengestaltung. Manche Spieler und Trainer haben im Laufe der Jahre ihre Spuren hinterlassen; der frühere EHC Stürmer und spätere Filmemacher Riccardo Signorell zum Beispiel Graffiti. «Es sah hier aus wie unter einer Brücke», findet John lachend. Der bisher letzte Kabinenumbau erfolgte übrigens erst im vergangenen Sommer. «Andi John war  unser Bauleiter », erklärt Betreuer Niggli. John grinst – im «normalen» Leben arbeitet

er als Lehrer an der Stadtschule Chur. In der Garderobe hat jeder Spieler seinen beschrifteten Platz; die Ausrüstung liegt bereit. An einem Balken hängen zwei Fotos der jubelnden Mannschaft. «Das war unser zweiter und bisher letzter Sieg diese Saison», sagt John über das eine Bild. Die Partie gegen Wiki-Münsigen fand am 17. Oktober statt und endete für den EHC Chur trotz des Resultats fatal: Am folgenden Tag wurde fast die gesamte Mannschaft positiv auf Covid-19 getestet. Kurz darauf untersagte der Bund den Spielbetrieb im Amateur-Eishockey, auch jenen der Mysports- League, in welcher Chur spielt.

 

Wehmütige Gedanken

«Sportlich ist die aktuelle Situation mit das Schlimmste, was ich in meiner bisherigen Karriere erlebt habe», sagt John. Trainiert wird beim EHC derzeit zwar noch, in fixen Zehnergruppen. «Viele meiner Teamkollegen habe ich schon länger nicht mehr gesehen. » Seit die Bündner Regierung Anfang Dezember auch die Freizeitanlagen

geschlossen hat, findet das Training nur noch neben dem Eis statt. «Unser nächstes Eistraining ist für den 29. Dezember geplant», erklärt John. Als der Spielbetrieb eingestellt worden sei, habe er sich «nicht vorstellen können, wie sehr mir das Eishockey fehlen wird», sagt Betreuer Niggli. Fast wehmütig zeigt er, was sonst sein Alltag als Materialwart ist: Die Kiste mit der eigenen Kaffeemaschine etwa, die zu jedem Auswärtsspiel mitfährt. Oder den mobilen Handschuhwärmer, an den zwei Föhne angeschlossen werden können. Mit dem Gerät ist auch Nigglis Erinnerung an sein schlimmstes Spiel verbunden. «Erst habe ich den Wärmer vergessen, dann bekam ich einen Puck an den Kopf, und schliesslich hat die Steckdose nicht funktioniert, um das Essen zu wärmen», erzählt er. «Und am Ende hätten wir fast gegen den Tabellenletzten der zweiten Liga verloren», ergänzt John.

 

Bis zum Morgengrauen

Zum privaten «Reich» der ersten Churer Mannschaft gehören neben der Umkleidekabine samt Pausenraum auch Duschen, ein Medizinalraum, ein Raum, um die Schlittschuhe zu schleifen, und eine Waschküche. Die Garderobe selber sei «sehr wichtig » für das Team, sagt John. «Hier und auf den Carfahrten zu  Auswärtsspielen passiert alles im zwischenmenschlichen Bereich.» Als Spieler verbringe man viele Stunden in der Kabine. Nach Siegen könne es auch einmal später werden – nach dem traditionellen Wichteln der Mannschaft vor Weihnachten sowieso. «Das endet selten vor dem Morgengrauen.» Im Laufe seiner Karriere habe er in der Kabine viel erlebt, erklärt John, auch Negatives: Entlassungen, Abschiede, Skandale. Mit am meisten habe ihn persönlich das Abschiedsspiel von Daniel Peer berührt – vor allem, weil sich die Klublegende mit einer Niederlage vom Eishockey habe verabschieden müssen. «Das hat mir sehr weh getan.» John setzt sich für den Fotografen an seinen Platz in der Kabine. Dorthin, wo seine Schlittschuhe hängen und die übrige Ausrüstung fein säuberlich drapiert ist. «Weniger brüala, meh wüala», steht hinter der Eingangstür an der Kabinenwand. Wann das Team dieses Motto wieder umsetzen kann, ist offen – genauso wenig weiss John, wann er seine Schlittschuhe wieder für einen Ernstkampf vom Haken nehmen kann.



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