Christian Aliesch: «Ich will im Vorstand gute Leute neben mir»

Mittwoch, 24 Juni 2020

mit Christian Aliesch sprach René Weber - Südostschweiz Ausgabe vom 24. Juni 2020

 «Ich will im Vorstand gute Leute neben mir»

Christian Aliesch tritt morgen die Nachfolge von Urs Knuchel als Präsident des Eishockey-Clubs EHC Chur an. Aliesch gilt als Kenner der Sportszene und ist politisch, gesellschaftlich und in der Wirtschaft bestens vernetzt.

 

Zwölf Jahre lang war Christian Aliesch im Churer Stadtrat tätig, davon während vier Jahren zusätzlich als Stadtpräsident. Nun übernimmt der langjährige Funktionär verschiedener Sportveranstaltungen und –Verbände als Präsident des EHC Chur eine neue Aufgabe. Im exklusiven Gespräch erklärt der 70-jährige Aliesch, dass er sich auf seine neue Herausforderung freut, welche Ziele er mit dem Stadtklub verfolgt und warum der EHC Chur eine Geschäftsstelle bekommt.

 

Christian Aliesch, am Donnerstag lösen Sie Urs Knuchel als Präsident des EHC Chur ab. Was hat Sie dazu bewogen, sich für dieses Amt zur Verfügung zu stellen?

CHRISTIAN ALIESCH: Ich bin im letzten Herbst angefragt worden und habe mir das gut überlegt. Nachdem ich mich über die aktuelle Situation erkundigt hatte, bin ich zum Schluss gekommen, es zu tun. Ein Grund, warum ich mich für das Amt entschieden habe, ist meine Verbundenheit zum Sport, seit meiner Jugendzeit. Ich war in der Vergangenheit aktiv in verschiedenen Vereinen tätig und habe auch mehrfach Funktionärsaufgaben übernommen.

 

Verbundenheit reicht also, zum sich an die Spitze des Vereins wählen zu lassen, der in den letzten Jahren oft negative Schlagzeilen geschrieben und schon mehrfach finanziell vor dem Aus stand?

Wie bei jedem Verein wechselten auch beim EHC Chur Höhen und Tiefen. Er hat eine grosse Tradition. Er ist aktuell gut aufgestellt, und er hat in der Bevölkerung eine tiefe Verankerung.

 

Sie weichen der Frage aus:

Ich bin es gewohnt, Führungsaufgaben zu übernehmen. Ich habe das im Sport, in der Politik und auch im Beruf schon oft getan. Die Übernahme des EHC Chur hat betreffend Feedback, das kann ich heute schon sagen, alles übertroffen, was ich bisher erlebt habe. Das freut mich und bestärkt mich gleichzeitig in meinen Entscheid. Mit einem Team Aufgaben zu erfüllen und Ziele anzugehen, das reizt mich.

 

Der EHC Chur ist ein bedeutender Sportklub in der Kantonshauptstadt. Die Erwartungen in Ihre Person

sind entsprechend hoch:

Ich bin in den letzten Wochen oft darauf angesprochen worden. Die vielen überaus positiven Reaktionen haben mich schon fast ein wenig verlegen gemacht. Ich frage mich selber, was die konkrete Erwartungshaltung ist. Man

hat in Chur offenbar das Gefühl, dass ich eine gute Lösung bin. Noch bin ich aber ja nicht einmal gewählt.

 

Sind Sie denn die Idealbesetzung:

Das wird man dann sehen. In den letzten Monaten war ich bei den Vorstandssitzungen

mit dabei und habe mir einen Einblick in den Klub verschaffen können. Mir war es wichtig, Gewissheit zu haben, was auf mich zukommt. Ich kann heute mit Bestimmtheit sagen, dass ich keine Blackbox übernehme

und ich nicht mit Dingen konfrontiert werde, von denen ich nichts weiss. Ich möchte an dieser Stelle betonen, dass der Klub finanziell und sportlich ein gutes Jahr hinter sich hat. Dafür möchte ich meinem Vorgänger Urs Knuchel und seinem Team danken. Zusammen mit allen abtretenden Vorstandsmitglieder werden wir ihn anlässlich des ersten Heimspiels offiziell verabschieden.

 

Der EHC Chur hat sich wegen der Corona-Problematik gegen die Generalversammlung Entschieden und führt die Abstimmungen brieflich durch. Ihre Wahl ist nur noch Formsache:

Das denke ich schon auch, ja. Ich habe jedenfalls nichts gehört, dass es einen Gegenkandidaten gibt. Am Donnerstagabend trifft sich der Vorstand und zählt die Stimmen gemeinsam aus. Danach werden alle Vereinsmitglieder über das Wahlresultat informiert. Es steht ja nicht nur ich als Präsident, sondern der

gesamte Vorstand zur Wahl. Was fehlt, ist so halt der emotionale Moment. Ich kann den Leuten nicht in die Augen schauen. Sie können mir keine Frage stellen. Im Moment ist wegen Corona alles etwas speziell. Das muss man akzeptieren.

 

Sie treten Ihr neues Amt an der Seite von Finanzchef Reinhard Spahr und Sportchef Roger Lüdi an:

Ich will im Vorstand gute Leute neben mir. Das ist mir wichtig. Es ist und soll keine Einmannshow sein und auch nicht werden. Wir wollen ein Team sein, zusammen funktionieren und auftreten. Darum ist es wichtig, die zentralen Stellen optimal besetzt zu haben. Im Sportbereich haben wir mit Roger Lüdi eine gute Lösung gefunden. Reini Spahr ist für die Finanzen ebenfalls eine optimale Lösung. Zusammen mit den bisherigen

Vorstandsmitgliedern Erika Genelin, Carmine di Nardo und Mirco Oswald bilden wir ein sehr gutes Team. Neu sein wird, dass wir die administrativen Aufgaben zusammenfassen. Dadurch sollen Synergien, Effizienz und Transparenz erhöht werden. In diesem Bereich war alles etwas schwammig. Christian Rauch wird darum künftig mit seiner Rauch Management Consulting GmbH als Geschäftsstelle amten.

 

Eine Geschäftsstelle kostet Geld. Die Churer Fans würden es bestimmt lieber in einen starken Spieler investieren:

Das kann ich verstehen. Die Zusammenfassung ist aus meiner Sicht aber unerlässlich. Ich bin überzeugt, dass die Geschäftsstelle mit der Zeit zur Renditeinvestition wird. Beim EHC Arosa arbeitet man als Beispiel, auch wenn die Situation im Schanfigg eine andere ist, schon einige Jahre erfolgreich mit einer Geschäftsstelle.

 

Dann ist Christian Rauch, und nicht Sie der neue Mister EHC Chur:

Christian Rauch ist nicht Geschäftsführer. Die Geschäfte führt der Vorstand. Rauch ist neu aber Anlauf-/Kontaktstelle beim EHC Chur und nimmt die administrativen Aufgaben des Vereins wahr. Damit schlagen wir neben dem Sportchef und dem Finanzchef den dritten Pfahl ein. Als ehrenamtlich tätige Vorstandsmitglieder sind wir auch auf zahlreiche Helferinnen/Helfer, Trainer und Betreuer angewiesen. Es ist schön zu sehen, wie viele Leute Woche für Woche mit Herzblut für den Verein arbeiten. Ohne sie ist es nicht möglich, den EHC Chur zu führen.

 

 

Über Jahre machten Sie sich als Funktionär im Schwingsport einen Namen. Im Eishockey betreten Sie

Neuland:

Ursprünglich komme ich aus dem Fussball. Ich war beim FC Chur aktiv und früh als Spielertrainer in der 2. Liga tätig. Zum Eishockey kam ich vor vielen Jahren als Fan und bin das bis heute. Vor 17 oder 18 Jahren habe ich schon einmal kurze Zeit in der Juniorenbewegung des EHC Chur mitgearbeitet. Das habe ich gerne gemacht. Zuletzt war ich aber tatsächlich vor allem im Schwingsport tätig. Aktuell gehöre ich dem Organisationskomitee der Abgeordnetenversammlung des Eidgenössischen Verbandes an, die im März 2021 in Chur stattfinden wird. Damit habe ich nach dem «Eidgenössischen», dem «Nordostschweizerischen », dem Bündner-Glarner

Kantonalfest und dem Frühlingsschwingfest in Trimmis, das wegen Corona auf das nächste Jahr verschoben werden musste, dann bei der Organisation gesamten Schwinger-Palette mitgeholfen. Mit dem Sport bin ich zudem allgemein verbunden. Ich treibe regelmässig auch selber Sport.

 

Ihre Schlittschuhe haben Sie länger aber nicht mehr geschnürt, oder?

Ja, das ist so. Das ist viele Jahre her. Letztmals war es bei einem Plauschspiel im Hallenstadion. Damals spielten, soweit ich mich erinnern kann, Politiker gegen Churer Senioren. Wie gesagt, ich bin primär Eishockeyfans und natürlich Fan des EHC Chur. Nicht nur bei mir ist das legendäre Spiel gegen Langnau unvergessen. Jeder Churer Eishockeyfans erinnert sich daran. Ich war damals mit meinem Sohn Martin im Stadion. Als wir nach der bitteren Niederlage nach Hause kamen, hat er in seinem Zimmer geweint. Ich habe mich zu ihm gesetzt, ihn getröstet und erklärt, dass Niederlagen wie Siege zum Sport gehören. Dieses Beispiel zeigt, welch grossen Emotionen der Sport wecken kann.

 

Churs Stadtpräsident Urs Marti ist bekennender Davoser Fan. Wie wollen Sie ihn zum EHC Chur umpolen?

Ich will ihn nicht umstimmen. Wenn er HCD-Fan ist, ist das für mich in Ordnung. Wir brauchen im Kanton einen

Verein wie Davos als Leuchtstern. Es braucht aber auch Vereine wie den EHC Chur, den EHC Arosa und den

HC Prättigau und viele andere. Natürlich ist Urs Marti bei uns im Stadion aber jederzeit willkommen. Wenn er

dann doch noch zum Churer Fan wird, umso besser.

 

Den EHC Chur erfolgreich zu führen, wird wegen der Corona-Krise nicht einfacher?

Das ist mit Sicherheit so, ja. Die Ungewissheit ist gross und macht vor dem Sport keinen Halt. Unsere Mannschaft hat mit dem Training mittlerweile zwar beginnen können. Niemand weiss aber, ob und wann die Saison beginnen wird. Genauso ist offen, ob dann Zuschauer zugelassen sind. Das führt zur finanziellen Unsicherheit im Klub. Es gibt durchaus Leute und Firmen, denen der Klub und speziell die Nachwuchsabteilung

aber am Herzen liegt. Wir haben zum Glück viele treue Geldgeber, die auch in dieser schwierigen Zeit zum EHC Chur stehen. Wir konnten zuletzt auch einige neue Sponsorenverträge abschliessen.

 

Die Zukunft des Stadtklubs ist also nicht gefährdet?

Der EHC Chur hat finanziell ein gutes Jahr hinter sich. Er kann es mit einem Überschuss abschliessen. Trotzdem ist bei Sponsoren und Zuschauern vorsichtig budgetiert worden, da die Folgen von Corona nicht bekannt sind. Nach heutigem Ermessen müssten wir finanziell durchkommen. Wenn aber die gesamte Saison ohne Zuschauer durchgeführt werden muss, sieht es anderes aus. Dann würde es extrem schwierig werden, und die Situation wäre ungemütlich. Dann würde neben den Ticket Einnahmen auch das Geld aus der Gastronomie fehlen, auf das der EHC Chur angewiesen ist. Daran mag ich aber nicht denken. Ich bin zuversichtlich.

 

Der Datenspielplan der MSL ist veröffentlicht. Die ersten vier Runden der Saison 2020/21 könnten wegen

Corona allenfalls verschoben werden. Ab der fünften Runde würden die Partien ersatzlos gestrichen:

Für uns ist es wichtig, dass die Bündner Derbys gegen den EHC Arosa mit Zuschauern stattfinden können. Wir haben darum zusammen mit dem EHC Arosa beim Verband den Wunsch deponiert, dass diese Derbys nicht zu Saisonbeginn angesetzt werden. Wenn es doch zu Geisterspielen statt zu Derbys mit 2500 Zuschauern kommen sollte, schenkt das finanziell natürlich ein.

 

Ob Sie ein erfolgreicher Präsident werden, hängt primär von den Resultaten des Fanionteams ab. Wann werden Sie als neuer Präsident die Spieler und Trainer Tomas Tamfal persönlich begrüssen?

Das ist passiert. Ich war an das Kick-off- Meeting vor zwei Wochen eingeladen und habe dort einige Wort an die jungen Leute gerichtet. Ich habe ihnen gesagt, dass sie wie der Vorstand ehrliche Arbeit abliefen müssen. Das zahlt sich aus, damit wird der EHC Chur glaubwürdig. Damit gewinnen die Spieler Vertrauen und sind Vorbilder.

 

Sind die sportlichen Ziele ebenfalls schon definiert und der Mannschaft mitgeteilt worden?

Ich bin überzeugt, dass wir die Play-offs wieder erreichen. Das ist unser klares Ziel. Mit Tomas Tamfal. wird das gelingen. Es war mir ein Anliegen, dass wir ihn weiterverpflichten konnten. Das Klima im Team ist gut, der Spirit stimmt. Auch die Altersstruktur passt. In der letzten Saison war der Zusammenhalt das Erfolgsrezept. Ich denke, es könnte wieder klappen. Da übernehmen gerade ältere Spieler eine wichtige Aufgabe. Ich denke da zum Beispiel an Captain Andreas John. Er ist für das Team Gold wert. Er ist aber nicht allein. Die Verantwortung lastet auf allen Schultern.

 

Vor 20 Jahren spielte der EHC Chur in der Nationalliga A. Ist für Sie die Rückkehr ins professionelle Eishockey ein Thema?

Im Moment steht dies nicht zur Diskussion. Wir wollen als Ausbildungsverein für junge Spieler eine attraktive Adresse sein und sie optimal fördern. Dazu gehört auch die verstärkte Förderung des eigenen Nachwuchses. Mittelfristig wollen wir uns an der Spitze der MSL festsetzen. Die Option professionelles Eishockey gilt es dann zu prüfen, wenn es Strukturen und Rahmenbedingungen für uns erlauben würden.

 

Für Diskussionen sorgte wiederholt die Zusammenarbeit mit dem bei den Churer Fans ungeliebten grossen Bruder HC Davos. Gibt es allenfalls Fusionspläne?

Der EHC Chur wird ein selbstständiger Verein bleiben, das ist klar. Wir entscheiden auch künftig selbst. Das heisst nicht, dass wir die Zusammenarbeit nicht verbessern und fördern wollen. Von Hockey Graubünden ist eine Arbeitsgruppe gebildet worden, die die Zusammenarbeit der Bündner Klubs verbessern will. Wir sind diesem Projekt gegenüber offen.

 

Zum Abschluss haben Sie als neuer Präsident einen Wunsch frei:

Wenn ich mit Wünschen beginne, höre ich nicht mehr auf. Nein, ich bleibe dabei.

Ich will mit dem EHC Chur ehrliche Arbeit abliefern und damit Vertrauen schaffen in der Stadt, bei den Vereinsmitgliedern, Zuschauerinnen/ Zuschauer, Sponsoren usw. Alt Bundesrat Adolf Ogi hat einmal gesagt: «Ich glaube an das, was ich mache und ich mache das, was ich glaube.» Das bringt meine Vorstellungen auf den Punkt.


Unter "Download" kann das gesamte Interview als PDF angeschaut werden. 



Foto: Olivia Aebli-Item

Download