«In einem Laden wie dem EHC Chur gibt es immer Probleme und Sorgen»

Freitag, 29 November 2019

René Weber - Südostschweiz

 «In einem Laden wie dem EHC Chur gibt es immer Probleme und Sorgen»

Ende Saison tritt Urs Knuchel als EHC-Chur-Präsident zurück und wird von Christian Aliesch abgelöst. Knuchel hat nur ein Ziel. Er möchte seinem Nachfolger einen intakten, gesunden und erfolgreichen Stadtklub übergeben – sportlich und wirtschaftlich.

mit Urs Knuchel sprach René Weber

Im Zuge der Neuorganisation hat der EHC Chur am Dienstagabend Christian Aliesch als designierten Nachfolger von Urs Knuchel vermeldet. Die Stabsübergabe ist auf das kommende Frühjahr terminiert. Bis dann trägt Urs Knuchel die Verantwortung. Er ist überzeugt, sagt er weiter, dass der Stadtklub den Ligaerhalt in der MSL schaffen wird, ihm der Nachwuchs am Herzen liegt und er sich die Fusion der Bündner Eishockeyklubs vorstellen kann.

Urs Knuchel, Sie haben an der letzten Generalversammlung des EHC Chur angekündigt, am Ende der laufenden Saison Ihr Amt zur Verfügung zu stellen. Mit Christian Aliesch steht ein Nachfolger parat, der in der Eishockeyszene aber ein unbeschriebenes Blatt ist.
URS KNUCHEL: Mit der Ankündigung meines Rücktritts an der letzten Generalversammlung ging die Suche meines Nachfolgers los. Es ist lässig, dass sich mit Christian Aliesch und auch mit Reinhard Spahr als Finanzchef zwei gestandene Herren aus dem Raum Chur zur Verfügung stellen. Ob sie den eingeschlagenen Weg weiterverfolgen oder einen neuen Weg bevorzugen, das wird sich zeigen. Mit Sicherheit ist der EHC Chur im Frühjahr nun nicht führungslos. Das werte ich positiv.

Immer häufiger stehen regionale Sportvereine wie der EHC Chur ohne Präsident da. Wie haben Sie Christian Aliesch motivieren können, einen Klub zu übernehmen, der in den letzten Jahren nicht nur positive Schlagzeilen geschrieben hat?

URS KNUCHEL: Der Führungsstil wird sich unter Christian Aliesch ändern, davon gehe ich aus. Es ist nicht nötig, dass es gleich weitergehen muss, wie ich den Verein geführt habe. Ich war bei der Suche meines Nachfolgers darum auch nicht beteiligt. Weil ich mit meinem Nachfolger nicht zusammenarbeiten muss, hätte das keinen Sinn gemacht. Es ist wichtig, dass der neue Präsident von Leuten gesucht wurde, die danach mit ihr auskommen und nach Lösungen suchen muss.

Als Sie vor sechs Jahren den EHC Chur von Toni Thöny übernommen haben, herrschte im Verein ein kaum überschaubares Chaos. Zu Beginn war das bestimmt keine einfache und dankbare Aufgabe. Es war nie eine einfache Aufgabe.
URS KNUCHEL:
Es ist viel passiert. Vor sechs Jahren, als ich das Präsidentenamt übernehmen durfte, befanden wir uns in einer finanziell schwierigen Phase. Ich sage trotzdem «durfte», weil der EHC Chur mein Klub ist. Schlussendlich bin ich seit 20 Jahren ehrenamtlich für diesen Verein tätig. Ich war Betreuer, meine Jungs spielen Eishockey. Klar, es war nicht immer einfach und lustig, an der Spitze des Klubs zu stehen. Es war auch eine strenge Zeit. Vor allem die ersten zwei, drei Jahre waren intensiv. Gleichzeitig lernte ich aber immer wieder interessante Leute kennen, die mir neue Wege öffneten. Ich sage darum, rückblickend war es eine tolle Zeit. Ich schaue meinen verbleibenden Monaten als Präsident nun mit grosser Freude entgegen.

 

Sie sind aber einverstanden mit der Behauptung, dass es einfachere Ämter als das des Präsidenten beim EHC Chur gibt?
URS KNUCHEL:
Das schon, mit Sicherheit. Was das Spannendste ist, ist die Masse und die Emotionen, die man beim EHC Chur bewegen beziehungsweise auslösen kann. Die Juniorenabteilung macht mich genauso grausam stolz wie aktuell auch die erste Mannschaft.

Sie gingen stets Ihren eigenen Weg, haben sich vor niemandem verbogen. Ihr Platz im Thomas-Domenig Stadion war zum Beispiel nicht der VIP-Bereich, sondern die «Beiz». Dementsprechend waren Sie bei Fans beliebter als bei den Geldgebern.
URS KNUCHEL:
Es gibt verschiedene Ansichten über den Führungsstil eines Präsidenten. Ich wollte den Puls der Matchbesucher fühlen. Mein Weg war der richtige – für mich jedenfalls. Die positive Entwicklung des EHC Chur hat mir das immer wieder bewiesen. Ich war aber auch für die Geldgeber greifbar. Allen Sponsoren möchte ich an dieser Stelle Danke sagen, dass sie uns die Stange gehalten und uns unterstützt haben. Gleiches gilt für die Fans. Ohne sie gäbe es den Sport nicht, würde es den EHC auf dem Platz Chur nicht geben. Wenn ich die vielen Fans und Eltern mit ihren Kindern sehe, die jede Woche in die GKB-Hockeyschule kommen, dann freut mich das sehr. Dann weiss ich, dass wir nicht alles falsch gemacht haben. Stolz machen mich die Spieler, die es in eine höhere Liga geschafft haben. Nando Eggenberger, Yves Stoffel und Mischa Bleiker, um nur einige Namen zu nennen. Oder die Zuger Luca Hollenstein und Luca Capaul, die ich selber noch trainiert habe. Das ist es, was mir bleibt.

Was bleibt sonst?
URS KNUCHEL: Vieles, sehr vieles. Es gab jedes Jahr Höhepunkte. Zu Beginn, dass wir den EHC Chur überhaupt wieder auf Vordermann bringen konnten – speziell finanziell. Dann die Zeit, als wir in der 1. Liga vorne mitspielten. Wir haben gleichzeitig junge Spieler wie Sebastian Roussette oder Jan Monstein ins Fanionteam integrieren können. Das Aufstiegsspiel gegen Biasca am legendären Sonntagabend im fast vollen Hallenstadion. Der Cupmatch gegen die ZSC Lions. Dann die Herausforderung MSL. Wir wussten, dass das keine einfache Aufgabe wird. Trotzdem haben wir es gewagt, weil wir überzeugt waren und es weiterhin sind, dass das die richtige Liga für Chur ist – vor allem wegen des Nachwuchses.

Immer wieder gab es aber auch wenig Erfreuliches.
URS KNUCHEL: Dies gab es tatsächlich. Der Abgang von Geschäftsführer Marco Kohler, die Vertragsauflösung mit Trainer Konstantin Kuraschew, der Rücktritt von Daniela Engi, die das Restaurant nicht mehr führen mochte. Die Geldprobleme, jede Niederlage, der Abstiegskampf – das alles war nicht schön. Dazu kam der Hallenverkauf von Thomas Domenig an die Stadt und die Abstimmung des Sportstättenkonzepts. Alles war zeitintensiv, hat mich gefordert. In einem Laden wie dem EHC Chur gibt es immer Probleme und Sorgen, das gehört halt zum Alltagsgeschäft.

Sprechen wir über den Sport. Nach einem erfolgreichen Saisonstart legt der EHC Chur in der MSL aktuell nur noch Rang 8. Der Vorsprung auf Schlusslicht Lyss beträgt nach 18 Runden lediglich drei Punkte.
URS KNUCHEL:
 Der gute Start in die Meisterschaft konnte nicht unbedingt erwartet werden. Danach hatten wir aber Verletzungspech und konnten nie zwei Partien in Folge mit derselben Aufstellung bestreiten. Im letzten Spiel fielen mit Ron Fischer und Cedric Sieber wieder zwei Akteure aus. Man darf zudem nicht vergessen: Es ist eine Herausforderung, mit unseren Mitteln in der MSL eine schlagkräftige Mannschaft stellen und mithalten zu können. Wir haben nicht die finanziellen Möglichkeiten anderer Vereine. Das wussten wir von Anfang an. Trotzdem bin ich sicher, dass einiges möglich ist und wir den Ligaerhalt auch in diesem Jahr schaffen werden (überlegt). Ich bin gespannt, wo wir Ende Jahr in der Tabelle stehen werden. Auf uns warten im Dezember nicht nur schwierige, sondern vor allem wegweisende Partien.

Für den EHC Chur ist die MSL auch in Zukunft die richtige Liga?
URS KNUCHEL: Ja, im Moment mit Sicherheit. Ob das künftig so sein wird, wird sich zeigen. Zuerst ist es jetzt nur wichtig, dass wir unseren positiven Lauf fortsetzen und am Samstag gegen Huttwil sowie am nächsten Mittwoch gegen Seewen punkten können.

Die Flucht nach vorne scheint eine zweite Option. Gemäss InternetPortalen hat neben Basel, Martigny und Arosa auch der EHC Chur den Antrag für die Swiss League gestellt. Ist das beim derzeitigen Leistungsvermögen des Fanionteams nicht zu hoch gegriffen
?
URS KNUCHEL: Mir ist das auch zugetragen worden. Das ist eine Falschinformation. Wir haben lediglich den Erhalt der Unterlagen zur Prüfung eines allfälligen Aufstiegs per Mail bestätigt. Mehr nicht. Das können Sie mir glauben. Für die aktuelle Führung unter mir ist der Aufstieg kein Thema, definitiv nicht. Was später sein wird, das werden die neuen Leute zu entscheiden haben. Vielleicht haben sie eine neue Strategie, wie sie den EHC Chur in die Zukunft führen möchten. Ich weiss das nicht.

Ambitionen für die Rückkehr ins professionelle Eishockey Business halten Sie also für wenig realistisch?
URS KNUCHEL: Das wird schwierig. Unsere Aufgabe ist es, den Nachwuchs in Chur zu fördern und so ein stabiles Fundament für die Zukunft zu legen. Man darf eines nie vergessen. Davon profitiert am Ende nicht nur der EHC Chur, sondern der gesamte Kanton und speziell die Klubs in unserem Umfeld. Ohne uns hätten Prättigau, Arosa und Lenzerheide riesige Probleme. Sie alle haben Spieler mit Churer Vergangenheit unter Vertrag.

Könnten Fusionen die mögliche Lösung sein?
URS KNUCHEL: Es gab Gespräche in diese Richtung. Das ist kein Geheimnis. Diese sind zuletzt versandet. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass man sich irgendwann zusammen an einen Tisch setzen wird. «Ohne uns hätten Prättigau, Arosa und Lenzerheide riesige Probleme.»

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